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Volker Hildebrandts Serie „Bugeos und Nugeos“ – Das geheime Leben von Buchstaben und Zahlen.

Fortlaufende Buchstaben und Nummern verbergen sich in zweifarbigen Bildern, die wie abstrakte Symbole und typografisch anmutende Zeichen erscheinen. Schiebt man sie als deterministische Objekte in den Vordergrund, werden sie zu geheimnisvollen Wächtern einer fremden Welt. Hildebrandt erschafft sie digital auf seinem Computer. Sein methodisches Vorgehen beschränkt sich weitestgehend auf die Auswahl der jeweiligen Grundfarbe. Das ist die Basis, auf der es sich entscheidet, welche Farbe als zweite gewählt wird, die mit der monochromen Grundfläche kontrastieren, aber auch harmonieren soll. Am Ende lässt sich der Künstler von seinen eigenen Improvisationen überraschen. „Der Mensch ist nur da ganz Mensch, wo er spielt“, reflektiert Schiller in seinen Schriften zur Ästhetik. Hildebrandt hat dieses Diktum verinnerlicht. Seit November 2020 verfolgt er spielerisch seinen Konstruktionsplan, dessen Struktur zunächst absichtslos entstanden ist. Alle Bestandteile auf den Bildern sollen miteinander verbunden sein und eine Einheit bilden, kein Element soll frei herumschweben. Seine improvisierten Konstruktionen sind vielgestaltig und abwechslungsreich. Neugierig betrachtet man Bild für Bild und verstrickt sich beinah ekstatisch in zahlreiche Assoziationsmöglichkeiten. So entdeckt man: Schiffe, Clowns, Gespenster, Vögel, Labyrinthe, Roboter, Luftballons, Paläste, Taucher, Wikinger, Kameras, Schlagzeuge, Menschen, Gesichter, Maschinen, Räder, Lampen, volle Schwimmbecken, die kippen ohne dass Wasser ausläuft oder Geräte, die so nicht existieren, deren Funktionen dem Betrachter verborgen bleiben. In seinem Büchlein „Im Reich der Zeichen“ beschreibt Roland Barthes seine ungewöhnlichen Erfahrungen während eines Aufenthalts in Japan, seine Begegnungen mit der ihm so fremden Sprache und Kultur empfindet er wie ein „ins Unübersetzbare hinabsteigen und dessen Erschütterung empfinden“. Erschütterung jedoch trifft für Hildebrandts Zeichen nur selten zu. Meist sind es heitere Stimmungen, die seine Bilder verbreiten. In einem Interview spricht er über großen Spaß und Freude bei deren Herstellung.

Über einen sehr langen Zeitraum hatte er davor mit unglaublichem Fleiß an seinem Themenkomplex Fernsehen und „Bildstörung“ gearbeitet. Jahrelang malte er für dieses Projekt in All-Over Manier schwarze, weiße und graue Pünktchen auf meist riesige Leinwände oder skulpturale Objekte. Seit seiner Kindheit war ihm das Rauschen und Flimmern, das wie rieselnder Schnee den Bildschirm füllte, vertraut und inspirierte schließlich die Art und Weise künstlerischer Umsetzung. Damit formulierte er einen ironischen, sarkastischen Kommentar zum Zeitgeschehen und zur allgegenwärtigen Bilderflut in der uns beherrschenden Medienwelt.

Für die vorliegende Serie der „Bugeos und Nugeos“ tauscht er den Pinsel gegen die Maus, mit welcher er den Cursor über den Bildschirm bewegt. Vielleicht liegt es an dem deutlich schnelleren und leichteren Arbeitsvorgang, der die zunächst fremdartigen Gebilde so unterhaltsam und zufällig erscheinen lässt. Im Gegensatz zu seinen früheren Arbeiten entstand diese Serie spontan. Strukturen und Regeln ergaben sich im Prozess des Verfertigens. Die Entscheidung, ausschließlich zwei Farben zu verwenden wird für alle Bilder beibehalten. Zwischentöne werden vermieden, sodass jeweils helle Farben mit dunklen Farben korrespondieren und oft scharfe Umrisse, Scherenschnitten ähnlich, hervorstechen. Nicht zuletzt scheint der ästhetische Reiz dieser kargen und doch sinnlichen Bilder in ihrer Undeutbarkeit zu liegen. Als wirklicher, realitätsnaher Anhaltspunkt sind lediglich Buchstaben und fortlaufende Nummern in den Hildebrandt´schen Fantasiegebilden auffindbar. Formal abwechslungsreich integriert, dienen sie auch als spezifische Namensgeber.

Die Verschränkung von Realistik und Abstraktion finden wir schon Anfang des 20. Jahrhunderts beispielsweise in den Collagen bei Picasso und Braque, im synthetischen Kubismus. Auch die Verknüpfungen von Kunst und Sprache der Dadaisten legen Parallelen nahe. Ihre vermeintliche Nonsens Kunst richteten sie gegen gefestigte Normen und die Sinnlosigkeit des Krieges. Ein wichtiger Vertreter des Dada war Francis Picabia, der, wie Hildebrandt im Laufe seines Lebens viele unterschiedliche Stile ausprobiert hat. Er kombinierte mechanische, maschinenhafte Teile mit provokativer Schrift und schockierte zusammen mit seinen Künstlerfreunden Marcel Duchamp und Man Ray die bürgerlich geordnete Gesellschaft in New York und europäischen Metropolen.

Auch surrealistische Werke eines Salvador Dali, Rene Magritte oder Giorgio De Chirico kommen in den Sinn. Sie praktizierten eine völlig neue Art der Wirklichkeitsdarstellung. Eine Wirklichkeit, die außerhalb der Vernunft existierte. Andre Breton, einer der geistigen Väter des Surrealismus bezeichnete dies als „reinen psychischen Automatismus“, durch den man seinen individuellen Denkvorgang ausdrückt. Ein Vorgehen, das dem relativ absichtsfreien Spiel mit Formen und Farben in Hildebrandts Werken sehr nahekommt.

Besonders eine kunsthistorische Vorlesung aus seiner Bonner Studentenzeit, so Hildebrandt, sei ihm im Gedächtnis geblieben und im Zuge seiner neuen Serie der „Bugeos und Nugeos“ wieder lebendig geworden. Sie befasste sich mit dem synthetischen Kubismus und dessen gestalterischem Grundprinzip der „aperspektivischen Kontingenz“. Dabei bedeutet aperspektivisch weder perspektivisch noch unperspektivisch, sondern vielmehr polyfokal, eine Vorgehensweise, die Hildebrandt wichtig erscheint. Kandinsky entwickelte in seinen Schriften „Über die Formfrage“ (1912) seine Gedanken zur Polyfokalität, die Denkansätze zum Kubismus beinhalten: „Dem angenehmen Ergänzen des Abstrakten durch das Gegenständliche und umgekehrt hat die Kunst scheinbar ein Ende bereitet. Einerseits wird dem abstrakten die divertierende Stütze im Gegenständlichen genommen und der Beschauer fühlt sich in der Luft schweben… Andererseits wird dem Gegenständlichen die divertierende Idealisierung im Abstrakten (das ,künstlerische Element‘) genommen und der Beschauer fühlt sich an den Boden genagelt“. Demnach verliere im ersten Zustand die Kunst den Boden, im zweiten das Ideal. Diese Spannung aus Wirklichkeitsnähe (Realistik) und Wirklichkeitsferne (Abstraktion) liegt in Hildebrandts Arbeiten in der Synthese der Buchstaben und Nummern mit dem Suffix „Geos“. Man könnte sie als Assoziationsformen einer höheren Wirklichkeit bezeichnen.

Außerhalb seines Leitfadens, den er mit „asperspektivischer Kontingenz“ verknüpft, macht Volker Hildebrandt keinerlei Angaben zu seiner Motivation oder zu einer ursprünglichen Absicht für diese Serie. Sobald orientierende Worte des Künstlers zu seiner Idee und seinem thematischen Interesse fehlen, werden Betrachter ausschließlich auf ihre eigenen Assoziationen zurückgeworfen. Zunächst stellt sich die Frage, wie das Neue mit dem Alten, also mit seinen früheren Arbeiten korrespondieren könnte. Der Künstler selbst sieht hier keine Gemeinsamkeiten. Immer schon hatte er in seinem künstlerischen Leben virtuos mit unterschiedlichen Stilarten der Kunst, auch mit unterschiedlichen Medien wie Malerei, Skulptur, Video und Computer experimentiert. Allerdings spricht er im Hinblick auf seine früheren Arbeiten über sein ganz persönliches Interesse an den politischen und gesellschaftlichen Einflüssen und Veränderungen, die mit unserem exzessiven Medienkonsum einhergehen. Ein Thema, mit dem er sich ausführlich in seinen „Bildstörungen“ und „Videoporträts“ über viele Jahre auseinandersetzte, das er untersuchte und hinterfragte. Mangels einer künstlerischen Anleitung für das Neue könnte man getreu der Kant‘schen Maxime für eine ideale Kunstbetrachtung versuchen, ein „interesseloses Wohlgefallen“ an der neuen Serie der „Bugeos und Nugeos“ zu finden. Außerhalb der Philosophie jedoch erscheint es spannend, diese Bilder als erhellenden Text zu entziffern und zu spekulieren, was den Künstler antreibt, sie in so großer Anzahl zu produzieren.

Auffällig klein, eher wie auf einem Suchbild sind die Buchstaben und Zahlen gehalten. Sprache als Symbol unseres Denkens, Sprache als konventionelles System menschlicher Kommunikation und Kultur, läuft sie hier Gefahr von ihrer abstrakten Verbildlichung verschlungen zu werden? Ähnlich wie ein numerisches Ordnungsprinzip, welches sich als sicheres Gerüst unseres persönlichen und wirtschaftlichen Daseins entwickelt hatte? Realität und Abstraktion, wenn auch bildlich verbunden, stehen formal in unausgeglichenen Proportionen zueinander. Ein wenig fühlt man sich an das Erweitern der Schrift durch die allgemein gebräuchlichen Emojis erinnert. Sie dienen der Verbildlichung emotionaler Aussagen, die einen zumeist kurzen Text begleiten. Oder an den absurden Hype um Bitcoins und andere weniger bekannte Kryptowährungen. Auch an die fortschreitende Abstraktion des modernen Bankwesens, wo Geldmittel ohne jede Gegenständlichkeit im Hintergrund gehandelt werden. Sie stützen sich weder auf ein Produkt noch auf irgendeine Art von Service und haben an sich keinen Wert. „Die divertierende Stütze im Gegenständlichen“ ist nicht mehr zu sehen. Übrig bleiben ein unsicheres Schweben und die spannende Frage, inwieweit bewusst oder unbewusst Volker Hildebrandt in seiner neuen Serie diesen Schwebezustand bildlich erfahrbar machen will.

Dr. Barbara Fischer